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Schlüsselbegriffe der NMS Unterrichtsentwicklung (Lerndesign) | Kernideen und Fragen zur Reflexion


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D

Das Wesentliche

Elfriede Binder

Die Zielvorstellung der Neuen Mittelschule ist es, jedem Schüler/jeder Schülerin durch Flexibilität bei der Unterrichtsgestaltung Zugang zu den als wesentlich erkannten Inhalten des Lehrplans und der Bildungsstandards zu ermöglichen.

Die Unterrichtsplanung erfolgt rückwärts von Lernzielen und Aufgaben, die auf das Wesentliche eines Lernbereiches in einem Fach fokussieren. Zentral ist dabei die Frage, welche authentischen Aufgabenstellungen Schüler/innen in die Lage versetzen, ihre fachliche Kompetenz zeigen und sichtbar machen zu können.

Das Rückwärtige Lerndesign ist eine der tragenden Säulen der Unterrichtsqualität einer Neuen Mittelschule und bedeutet für viele Lehrer/innen, sich auf Umdenkprozesse einzulassen, die lang gelebte und selbstverständliche Praxis in Frage zu stellen und
ein Umlernen in Angriff zu nehmen, das mit Anstrengung verbunden ist.

In der Praxis ist es oft so, dass das Lehrbuch als „geheimer Lehrplan“ fungiert und Lehrer/innen in ihrer Vorbereitung auf das Schuljahr Jahrespläne kopieren, die von den Autor/innen der Lehrwerke zur Verfügung gestellt werden.

Besonders problematisch erweist sich in dieser Praxis die Tatsache, dass Lehrwerke, die neu am Markt erscheinen und deren Vorläufermodelle bereits approbiert wurden, nicht mehr einem weiteren Approbationsverfahren unterworfen sind. Das führt dazu, dass Lehrwerke am Markt sind und verwendet werden, die nicht konform mit Lehrplänen und Bildungsstandards sind.

Die Differenzierungsexpertin Carol Ann Tomlinson, auf deren Differenzierungsmodell die Unterrichtsentwicklung der NMS aufbaut, geht davon aus, dass wir ohne starkes Curriculum im Sinne von klaren Lerninhalten keine Chance haben, in unserem und durch unseren Unterricht hohe Qualität zu erreichen.

Tanja Westfall-Greiter beim 1. Regionalen Lernatelier der G4 West in St. Johann im Pongau:
„Ohne starke Inhalte können wir unsere „Zirkusshow“ abhalten und unterhaltsam sein, aber wir werden auf der Output-Seite nicht viel erreichen.“


Differenz und Diversität: Reflexionsfragen für die eigene Praxis

 

Reflexionsfragen für die eigene Praxis

  • Wie verhalte mich gegenüber Unterschiedlichkeit? Wie schaue ich auf Unterschiedlichkeiten? Wie differenzfähig bin ich?
  • These: Angenommen, dass Schule Differenz produziert, die zunächst nicht da war, welche Differenzen wollen wir entstehen lassen? Welche nicht?
  • Von welchen Normen und Normalitätsvorstellungen gehe ich in meiner pädagogischen Arbeit aus?
  • Welches Idealbild, welche Vorstellungen eines Schülers/einer Schülerin habe ich vor Augen?
  • Welche Werthaltungen vertrete ich persönlich und inwieweit beeinflussen meine Vorstellungen davon, was richtig/falsch, gut/schlecht, normal/abnormal ist, meinen Blick auf SchülerInnen und KollegInnen?
  • Wie gehe ich damit um, dass die Schule selbst Differenz produziert? Was ist meine Rolle darin?
  • Wie stehe ich zur Diversität? Wie schaffe ich es, mit der "unmöglichen Pluralität" umzugehen, um das Potential darin auszuschöpfen?
  • Mit welcher Brille schaue ich auf meine SchüelrInnen/KollegInnnen/den Schulleiter/die Schulleiterin/die Eltern?
  • Wie schaue ich auf Unterschiedlichkeiten?
  • Wie schauen wir auf Unterschiedlichkeiten?
  • Welche Attraktivität hat Differenz für uns und wie gehen wir damit in Anbetracht der Tatsache um, dass Schule Differenz produziert?
  • Ist Differenz für uns in eine Bedrohung?
  • Orientieren wir uns am Durchschnittsschüler?
  • Gibt es einen Durchschnittsschüler?
  • Was ist meine Norm?
  • Woran orientiere ich mich?
  • Wie verhalte mich gegenüber Unterschiedlichkeit? Wie schaue ich auf Unterschiedlichkeiten? Wie differenzfähig bin ich?
  • Von welchen Normen und Normalitätsvorstellungen gehe ich in meiner pädagogischen Arbeit aus?
  • Welches Idealbild, welche Vorstellungen eines Schülers/einer Schülerin habe ich vor Augen?
  • Welche Werthaltungen vertrete ich persönlich und inwieweit beeinflussen meine Vorstellungen davon, was richtig/falsch, gut/schlecht, normal/abnormal ist, meinen Blick auf Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen?
  • Wie gehe ich damit um, dass die Schule selbst Differenz produziert? Was ist meine Rolle darin?
  • Wie stehe ich zur Diversität? Wie schaffe ich es, mit der "unmöglichen Pluralität" umzugehen, um das Potential darin auszuschöpfen?

 

 Was ist gemeint und worum geht es?

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 Unterlagen - Verstehen/ Tun können/ Wissen zu Differenz und Diversität

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Differenzierung

Elfriede Binder

Differenzierung ist das Erkennen von Differenzen in einer Lerngemeinschaft, das zu einer Berücksichtigung der Unterschiedlichkeiten der Lernenden durch eine entsprechende Unterrichtsgestaltung führt.

Differenzierung ist vielmehr eine Philosophie oder Haltung (differenzsensibel unterrichten) als eine Unterrichtsstrategie oder eine Programmatik.

Die flexible (innere) Differenzierung der Neuen Mittelschule lebt vom Prinzip permanent wechselnder Gruppierung von Lernenden, die in der Praxis zu einer starken, inklusiven Lernumgebung für alle führt.

Dabei berücksichtigt die Lehrperson die Bereitschaft, Interessen und Lernprofile der Lernenden, um die Lerninhalte, Lernprozesse, Lernprodukte und das Lernumfeld für die Lernenden zu optimieren, damit sie bestmögliche Lernchancen haben.

Transparente Beurteilungskriterien, hoher Anspruch, kontinuierliche Lernstandserhebungen und respektvolle, authentische Aufgaben sind Merkmale dieser Praxis.

In der NMS-Entwicklungsarbeit wird mit dem Differenzierungsmodell der Differenzierungsexpertin, Lehrerin und Autorin Carol Ann Tomlinson gearbeitet.


Diversität: Was ist gemeint und worum geht es?

 

"Jede/r ist anders anders!"

… ist die Kernidee der NMS-Unterrichtsentwicklung im Bereich Diversität.

Aus dieser Kernideen heraus wird der Interventionscharakter von Schule und das Spannungsfeld zwischen Individualität und Bildungszielen bewusst.

Unser gemeinsamer Nenner ist die Unterschiedlichkeit (Jede/r ist anders anders!), die durch unsere Individualität erzeugt wird. Das System Schule geht allerdings von der Vorstellung eines Durchschnittsschüler/einer Durchschnittsschülerin aus, den/die es in Wirklichkeit nicht gibt.

Diese Vorstellung kann blind machen und birgt die Gefahr in sich, dass sich Schule und somit auch der Unterricht aus Kompromissgründen an Mittelmäßigkeit orientiert.

Diversität gehört zum Inklusionsdiskurs. Während im Heterogenitätsdiskurs die unweigerliche Pluralität der Gesellschaft problematisiert wird (ich muss mit Heterogenität "umgehen", weil sie "im Weg" ist), steht Diversität für eine andere Haltung: in der Pluralität steckt Potential, das ausgeschöpft werden kann und soll. Dazu gehören eine bestimmte Betrachtungsweise und eine geschulte Wahrnehmung.

Statt Menschen nach vereinfachten, binären Kategorien von Unterschieden wahrzunehmen (etwa wie männlich-weiblich, bildungsnah-bildungsfern, usw.), erkennen wir die Komplexität des Einzelnen an (z.B. sie wächst am Bauernhof auf, spricht zu Hause Dialekt, verwendet Hochdeutsch als Bildungssprache, ist geisteswissenschaftlich orientiert, liest gern, mag Schule, arbeitet am Hof jeden Tag mit, ist das älteste Kind der Familie, singt in der Musikkapelle, leidet an einer Verletzung der Wirbelsäule).

Der Fachbegriff für diese Komplexität ist "Intersektionalität". Er deutet auf die Überschneidungen von binären Kategorien in der Biographie, die eine Person ausmacht.

Im Bereich der Differenz & Diversität geht es um die pädagogische Fähigkeit, die Rolle von Differenz in einer Schulgemeinschaft sowie die Rolle des eigenen Unterrichts bei der Differenzbildung zu erkennen, um diese bewusst zu gestalten.

Daher erfordert ein differenzsensibler Unterricht die Anerkennung von Unterschieden, aber auch den Blick dafür, welche Differenzen Schule und Unterricht produziert und welche nicht.

Zu diesem Themenfeld gehören u.a. Biographiearbeit, Wahrnehmungsschulung und bewusster Umgang mit Machtverhältnissen im System.

 

Weitere Kernideen zu Differenz und Diversität:

  • Schule macht aus einem Kind einen Schüler/eine Schülerin. (vgl. Lippitz)
  • Gleichbehandlung positioniert Ungleichheit, gleichwertige Behandlung ermöglicht Chancen. (vgl. Güngör)
  • Diversität ist Normalität.

 

VERTIEFUNG:

Ein zentrales Thema in der Mittelschule ist „academic diversity“. Damit sind die Unterschiede beim Lernen gemeint, welche aus entwicklungspsychologischer Sicht in dieser Altersgruppe besonders vielfältig sind:

„It can be argued that the middle-grade years constitute the greatest learner variability of any segment in school. Dissimilar rates of growth are a defining element of middle school. Students of the same age vary tremendously in intellectual development, as they do in physical, emotional, and moral development.

Schools that aspire to be successful in educating young adolescents must vigorously attend to their varying needs, interests, and readiness levels.” (Carol Ann Tomlinson & Caroline Cunningham Eidson, zitiert von der National Middle School Association, aus Differentiation in Practice, A resource guide for differentiating curriculum, Grades 5-9, 1995.)

 

Video zu Differenz und Diversität

Video zu Differenzierung nach Vorwissen, Interessen und Lernprofilen

Video zu Differenzierung der Lerninhalte, Lernprozesse, Lernprodukte und des Lernumfeldes

 

Reflexionsfragen für die eigene Praxis 

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Unterlagen - Verstehen/ Tun können/ Wissen zu Differenz und Diversität

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