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Schlüsselbegriffe der NMS Unterrichtsentwicklung (Lerndesign) | Kernideen und Fragen zur Reflexion


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Lernseitige Orientierung: Was ist gemeint und worum geht es?

Elfriede Binder

Kernideen

  • Lehren erzeugt nicht Lernen.
  • Das Leben erzeugt Lernen.
  • Lerner erzeugen Lernen.
  • Lernen selbst ist unsichtbar und erst durch das sichtbar, was am Ende des Lernprozesses herauskommt.
  • Umlernen ist umso schwieriger, je mehr Kompetenz ich habe.

Die Erkenntnis, dass „gelehrt zu werden“ nicht zwangsläufig „gelernt zu haben“ bedeutet, hat eine radikale Wirkung auf die pädagogische Arbeit und führt zu einem Musterwechsel und einer neuen Denkweise, die „lernseitige Orientierung“ genannt wird. Diese lernseitige Orientierung ist und das gemeinsame Zielbild und gleichzeitig wirklich Neue der Neuen Mittelschulen.

Der Musterwechsel vollzieht sich im Wandel von

  • "ich und meine Klasse" zu "wir und unsere Schule",
  • "ich plane meinen Unterricht" zu "wir gestalten und begleiten Lernprozesse",
  • "ich habe gelehrt" zu "meine SchülerInnen haben gelernt“.

Anstatt Inhalte zu strukturieren, zu portionieren, den Unterricht nach einem genauen Zeitplan durchzuführen und das Hauptaugenmerk darauf zu richten, den Lehrplan „durchzubringen“, helfen Lehrer/innen ihren Schüler/innen dabei, Sachverhalte zu erschließen und für sich persönlich Lebens-und Weltbezüge herzustellen.

Lernseitige Orientierung bedeutet, dass Lehrer/innen kontinuierlich und bestmöglich versuchen, das Lernen der Lernenden bei der Erschließung der Welt erkennen. Über das Lernen als solches wissen wir wenig, auch wenn die Lernpsychologie und Neurowissenschaft versuchen, uns vom Gegenteil zu überzeugen (vgl. Meyer-Drawe 2008).

Wie wird der Lernprozess in Gang gesetzt? Was passiert während des Prozesses? Wie kann Lernen in Gang gehalten werden? Und was bringt Lernen zur Vollendung?

Aus diesem Grund ist die formative Leistungsbeurteilung so wichtig. Nur durch kontinuierliche Lernstandserhebungen können Lehrpersonen am (Lern)Ball bleiben und ihre next practice hinsichtlich des Lernens der Schüler und Schülerinnen gestalten. In einer Schule wie der Neuen Mittelschule, wo die Lernergebnisse der Schüler und Schülerinnen im Zentrum der Entwicklung stehen, wird die pädagogische Arbeit auf Basis der Lernergebnisse bewertet. Lehrpersonen werden auch zu Lernenden, indem sie tagtäglich Neues über die Lernenden ihrer Klasse erfahren.

„Lernen ist das Persönlichste auf der Welt, so eigen wie ein Gesicht oder wie ein Fingerabdruck, noch individueller als das Liebesleben", soll Ernst von Glasersfeld einmal gesagt haben (Kahl, 1999, S. 109).

Damit hat er angesprochen, was sich in der Geschichte der Lernforschung wie die Jagd nach dem Einhorn darstellt – die Suche nach dem Mythos eines nicht (er)fassbaren Phänomens.

Lernen lässt sich nicht nach einem idealisierten Bild eines wünschenswerten Prozesses modellieren, da Lernen eine einzigartige Erfahrung ist, die im Unterricht immer in das Bedingungsgefüge verstrickt ist, das die jeweilige Situation bestimmt. Dazu zählen die Lehrpersonen, die Mitschüler/innen, die Unterrichtsinhalte, der Raum, die Zeit und deren komplexes Wechselspiel untereinander.“ ( aus: Lernen als bildende Erfahrung, Schratz, Schwarz, Westfall-Greiter, 2012)

„Eine Betrachtung pädagogischen Handelns „lernseits" des Unterrichtens versteht Lehren im Modus des Lernens. Sie rückt das Lernen aus dem Schattendasein ins Licht, betont seinen Ereignischarakter und erkennt die Komplementarität des Handelns der Beteiligten als konstitutiv für den Vollzug der Lernerfahrung an.“ ( aus: Lernen als bildende Erfahrung, Schratz, Schwarz, Westfall-Greiter, 2012)

„Was Lehren und Lernen verbindet: gemeinsam von einer Sache in Anspruch genommen werden. Es ist die Kraft der Dinge und die Anziehung der Sache in einem Gegenstand, die im Mittelpunkt eines Lernereignisses stehen.“ ( aus: Lernen als bildende Erfahrung, Schratz, Schwarz, Westfall-Greiter, 2012)

„Eine lernseitige Orientierung blendet Lernschwierigkeiten und brüchige Lernerfahrungen nicht zugunsten optimierender Interventionen aus oder sucht sie zu vermeiden, sondern baut auf einen proaktiven und reflexiven Umgang mit diesen auf und zielt darauf ab, neue Möglichkeiten pädagogischer Praxis zu eröffnen.

Lehren im Modus des Lernens betrachtet meint, taktvoll und responsiv handeln und in Beziehung zur Sache und zueinander sein. Nicht die Schüler und Schülerinnen als Objekte des Unterrichtens, sondern die zu lernenden Sachen stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Lernenden und Lehrenden. Diese Sichtweise bedingt, dass Lehrende sich wie die Schülerinnen und Schüler selbst als Lernende verstehen müssen.“ ( aus: Lernen als bildende Erfahrung, Schratz, Schwarz, Westfall-Greiter, 2012)

John Holt (2009) hat das prekäre Verhältnis zwischen „Lehren“ und „Lernen“ besonders prägnant formuliert:

„Ich kann in 4 bis 7 Worten zusammenfassen, was ich als Lehrer letztendlich lernte:
Die 7-Wort Variante ist: Lernen ist nicht das Produkt von Lehren. Die 4-Wort Variante ist: Lehren erzeugt kein Lernen. Lerner erzeugen Lernen. Lerner erschaffen Lernen.“

 

Video zu Lernseitige Orientierung

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 Reflexionsfragen für die eigene Praxis 

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 Unterlagen - Verstehen/ Tun können/ Wissen zu Lernseitige Orientierung

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