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5 MINUTEN FÜR GRUNDSÄTZLICHES ZUR NMS

 
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Re: 5 MINUTEN FÜR GRUNDSÄTZLICHES ZUR NMS
von Christian Leitner - Donnerstag, 19. Februar 2015, 18:10
 

Sehr geehrter Herr Kollege Welser,

seit nunmehr 1996 bin ich auch Schulleiter, so wie Sie an einer Schwerpunktschule (Musik, nicht Sport), seit 2010/11 NMS (G3).

Zu Ihren gestrigen Äußerungen fällt mir schon was ein; und ich betone gleich vorweg, dass ich mich um größtmögliche Sachlichkeit und Korrektheit bemühen werde, obwohl mir das ob Ihres gars-tigen und respektlosen Grundtenors Frau Jäger gegenüber, die ich genau so wenig kenne wie Sie, nicht leicht fallen wird.

  • Sie sind doch Direktor einer 12-klassigen Schule, wie ich Ihrer Homepage entnehme – so wie ich. Da stellt sich für mich natürlich schon die Frage, wie oft denn Sie (ohne eine einzige Stunde Supplierverpflichtung) in einer Klasse stehen? Vielleicht nehmen Sie für sich ja in Anspruch sehr wohl mitzubekommen, was sich in Ihren Klassen abspielt, auch wenn Sie nicht regelmäßig als Lehrer unterrichten? Gut – aber dann müssen Sie das auch Kollegin Jäger zugestehen, zumal Sie ja nicht wissen, wie und womit sie ihr Geld verdient. Abgesehen davon vermute ich ganz stark, dass Kollegin Jäger in den letzten 16 Jahren wohl mehr als Sie unterrichtend in einer Klasse unterwegs gewesen ist.
  • Woher beziehen Sie bitteschön die Erkenntnis, dass „die Nivellierung eindeutig nach unten geht, da die Schüler in dieser Vielfalt nicht zu unterrichten sind…“? Das letzte Beispiel, wo das getestet worden ist, war die BIST-E-8-Überprüfung, da haben die Leistungsgruppen-Hauptschulen und die G1- und G2- Neuen-Mittelschulen österreichweit gleich gut abgeschnitten (480:478). Wenn man weiß, dass die NMSen G1 + G2 überwiegend ehemalige Hauptschulen aus städtischen Bereichen mit einem ganz speziellen SchülerInnen-Potential sind, finde ich das ein tolles Ergebnis. Dass die Medien und einige „Bildungsexperten“ das unzulässigerweise ganz anders interpretiert hatten, ist ein anderes Thema. Ein eher schlüssiger Vergleich kann aber wohl erst gezogen werden, wenn einige Jahre vergangen sind und alle Schulen in der NMS angekommen sind. Nur eins ist wohl jetzt schon klar: Die Gymnasien  werden bei jeder Testung immer besser abschneiden als die Pflichtschulen. Wen bitte wundert das?? Antworten auf die Frage: „Welchen Lernzuwachs über 4 Jahre verzeichnen denn die SchülerInnen in der AHS-Unterstufe im Vergleich zu den SchülerInnen in den Pflichtschulen – gemessen von ihrer Ausgangslage!?“ wären z.B. einmal sehr interessant!! Aber die Auswertung dieser Frage wird die AHS-Lehrergewerkschaft wahrscheinlich verhindern.
  • Wie soll das denn anders als mit Differenzierung funktionieren? In wie vielen europäischen Ländern wird die gemeinsame Schule der 6- bis 14/15-Jährigen seit Jahren und Jahrzehnten erfolgreich und erfolgreicher als in Österreich praktiziert? Unser ohnehin bald der Vergangenheit angehörendes Schubladisierungs- und Leistungsgruppensystem ist vor allem ungerecht, und es muss aus unseren Köpfen verschwinden! Warum ungerecht? Wir haben an unserer Schule mehrere Jahre hintereinander durch IKM-Tests festgestellt, dass besonders in den 1. Leistungsgruppen Schülerinnen und Schüler sitzen, die eigentlich in eine 2. oder gar 3. Leistungsgruppe gehören würden. Da das aber in aller Regel „brave“ Schüler mit einer guten Mitarbeit sind und das Frühwarnsystem mit Fördermaßnahmen auch entsprechend greift, gehen sich Abstufungen kaum aus. Dass die Umstellung auf heterogene Klassen in D, E und M Zeit braucht, ein Umdenken erfordert, neue Kompetenzen unserer Lehrerinnen und Lehrer erforderlich macht und zugegebenermaßen ganz schön schwierig ist, liegt da für mich auf der Hand. Aber es ist und muss natürlich möglich sein!
  • Ich gebe Ihnen recht – das abrupte und viel zu frühe Ende des Schulversuchs NMS aufgrund des parteipolitischen Kuhhandels zwischen SPÖ und ÖVP nach dem Motto „Die HSen werden flächendeckend NMSen (ob sie wollen oder nicht!), und dafür bleibt die AHS-Langform weiter bestehen“ hat zur Entwicklung des NMS-Konzepts kaum Positives beigetragen. Die Motivation der zwangsverpflichteten Schulen und LehrerInnen-Kollegien ist sehr überschaubar, die ursprünglich geplante Evaluation in weiter Ferne. Nur die Vorarlberger – ohnehin Vorreiter bei der NMS – machen sich darüber Gedanken und schauen da genauer hin. Ebenfalls hauruck ruckzuck die NMS-Schulgesetze! Der Einsatz der BundeslehrerInnen beispielsweise oder die noch immer nicht erfolgte Aufwertung und Entlohnung für die LerndesignerInnen sind alles andere als zufriedenstellend geregelt. Was ich aber nicht verstehe – dass den Eltern an Ihrer Schule die neue Notenskala, die wir auch nicht gerade toll finden, angeblich nicht erklärt werden kann. Das machen wir doch seit Jahren (wir sind G3) im Rahmen eines Eltern-Infoabends. Und wenn sie es nicht gleich verstanden haben, fragen sie noch einmal nach. Schwer vorstellbar, dass das bei Ihnen anders ist.
  • Der große Knackpunkt in Ihren Äußerungen sind aber die abwertenden und in dieser Form für mich nicht nachvollziehbaren Abqualifizierungen des pädagogischen Konzepts der NMS!Als G4-Schule müssen Sie doch gewusst haben, worauf Sie sich da einlassen, das war damals ja noch Schulversuch. Wer hat Sie denn da um alles in  der Welt zum Mitmachen gezwungen?! Oder aber Sie haben es eben nicht gewusst – das wäre aber schon sehr peinlich…Darüber hinaus tut mir jetzt aber auch wirklich leid, dass sich Ihre Schule, seit sie NMS geworden ist, zu einer Kuschelschule ohne Leistungsansprüche entwickelt hat; Sie Armer! Bei uns in Henndorf ist das gottlob nach wie vor ganz anders. Bei uns wird in der NMS sehr viel verlangt, und die Eltern wollen das auch so. Keine Rede von Streicheleinheiten und null Leistung. Leider ist es bei uns aufgrund der großen Nachfrage nach Plätzen in den Musikklassen sehr schwer, einen solchen zu ergattern (60-70 Bewerbungen für 25 Plätze). Nichtsdestotrotz wollen Eltern aus Umlandgemeinden ihre Kinder bei uns in die Regelklassen schicken, obwohl das aufgrund der diskriminierenden Schulsprengelregelungen fast nicht möglich ist (Gymnasium = kein Schulerhaltungsbeitrag; HS/NMS = Schulerhaltungsbeitrag; daher diskriminierend!). Für mich ganz klar, warum das so ist:

          Sie (die Eltern) wissen nämlich, dass wir unser Bestes geben.

          Sie wissen auch, dass wir als Schubladen-Schule mit Leistungsgruppen schon gut waren, und wir werden als Neue Mittelschule eine sehr   gute, wahrscheinlich eine sehr viel bessere Schule sein.

          Sie wissen natürlich, dass wir alle unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Herausforderungen der Zeit nach unserer Schule – Lehre, Beruf, Schule – vorbereiten.  

          Ist das bei Ihnen anders?? Ich kann es mir nicht vorstellen…

  • Zum Schluss noch ein Hinweis und Denkanstoß: Wenn ich an Ihrer Schule Lehrer wäre, würde ich mich an Ihrer NMS mit ziemlicher Sicherheit auch nicht wohl fühlen. Warum? Weil Ihre destruktive und demotivierende Haltung der NMS gegenüber spürbar ist. Warum soll ich mich denn als Lehrer um etwas bemühen, das a) mühsam umzusetzen ist; für das ich b) fachliche und moralische Unterstützung brauche; und das c) unser hochverehrter Herr Direktor sowieso auf eine derartige Weise generell ablehnt? Wie soll dennn das gutgehen?

 

Beste Grüße aus Henndorf

 

Christian Leitner

Schulleiter

Musik-Mittelschule Henndorf