Salon für Schulleitung: FÜNF MINUTEN FÜR ...

5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS

 
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5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS
von Elisabeth Weißenböck - Montag, 3. Juni 2013, 10:17
 

5 Minuten für ...

NMS-Schulleitungs-Newsletter No. 14 (03.06.2013)

Spätestens seit April dieses Jahres ist der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie mit der Übersetzung seiner berühmten Studie, die den Fokus auf „visible learning“ richtet, in aller (deutschsprachiger) Munde. Um den Ursachen für qualitätsvollen Unterricht auf den Grund zu gehen, analysierte Hattie mehr als 800 Metaanalysen, die ihrerseits 50.000 Einzelstudien zur Schulwirksamkeitsforschung zusammenfassen. In einer Rankingliste stellt er die beforschten Faktoren im Hinblick auf ihre Wirksamkeit auf die Leistungsentwicklung der Schüler/innen auf. So hat sich unter anderem überraschenderweise gezeigt, dass Faktoren wie Offenes Lernen oder Klassenschülerzahlen geringe Wirksamkeit auf Lernergebnisse haben. Ganz abgesehen von der beeindruckenden Größe der Studie, die auf Basis von Daten zur Leistungsentwicklung von ca. 250 Mio. Schüler/innen beruht, sind zwei Aspekte besonders hervorzuheben: Der Fokus auf „What works best?“ und der Versuch der Beantwortung der Gretchen-Frage, die auch in der NMS-Lernatelierarbeit immer wieder gestellt wird: „Wie können wir Lernen sichtbar machen, damit Lehrende möglichst wirksam handeln können?“

Den NMS-Schulleitungs-Newsletter No. 14 vom 03.06.2013 finden Sie hier zum Download

Nutzerbild Christian Leitner
Re: 5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS
von Christian Leitner - Montag, 10. Juni 2013, 08:13
 

Liebe Tanja,

wenn du schreibst "So hat sich unter anderem überraschenderweise gezeigt, dass Faktoren wie Offenes Lernen ... geringe Wirksamkeit auf Lernergebnisse haben", möchte ich zu bedenken geben, dass meiner Überzeugung nach nicht das offene Lernen per se der Grund für die geringe Wirksamkeit ist, sondern die wirkarme Art und Weise, wie Offenes Lernen von den meisten LehrerInnen durchgeführt wird. Offenes Lernen wird nämlich meistens als laissez-faire-Lernen organisiert mit geringer bis gar keiner LehrerInnen-Präsenz, und das ist für mich der Hauptgrund, warum es so wenig bringt.

Die Hattie-Studie birgt leider auch die große Gefahr in sich - und darauf weisen die Autoren der deutschen Ausgabe auch hin - dass die Ergebnisse durchaus Anlass für falsche Schlussfolgerungen sein können. Sie bringen dafür auch 3 Beispiele: Die Wirksamkeit von Hausübungen, die Länge der Sommerferien und der mögliche (Trug-) Schluss, wenig wirksame Faktoren für die Schul- und Unterrichtsentwicklung gar am besten zu vernachlässigen. Aus: Lernen sichtbar machen, S. VIII - X.

zwinkernd

Liebe Grüße!

Christian Leitner

Musik-NMS Henndorf

 

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Re: 5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS
von Tanja Westfall-Greiter - Dienstag, 11. Juni 2013, 07:56
 

Lieber Christian,

Danke für deine Überlegungen. Ich gebe dir voll Recht, dass wir ja keine schnelle Schlussfolgerungen ziehen sollen. Wir müssen bei den Aussagen von Hattie immer Tiefenbohrungen machen, um heraus zu finden, was positiv wirkt.

Nun zum "offenen Lernen": Der Begriff ist ein Sammelbegriff für meist organsiatorische Öffnungen des Unterrichts, für Falko Peschel nur die erste Stufe. Er bietet inzwischen Beurteilungsraster für die Selbsteinschätzung der eigenen Praxis auf seiner Homepage und gibt Hinweise auf Forschung dazu.

Aber wie du schreibst, ist es manchmal der Fall, dass offene Lernformen "laissez-faire" umgesetzt werden, als ob die Lehrperson nicht wichtig wäre. Das ist eindeutig nicht der Fall - seit Jahren weist die Schulwirksamkeitsforschung auf die Lehrperson als Wirksamkeitsfaktor Nr. 1!

Was mir lieb wäre, ist eine Unterrichtsentwicklung, die sich an Forschung orientiert, damit möglichst wirksame Änderungen vollzogen werden. So kann die Investition von Zeit und Energie besser aufgehen. Das gesagt, dürfen wir nicht es zu eng machen. Sonst kommen Innovationen nicht zustande. Da haben wir ein Dilemma!

Meine Frage an alle: Wo gibt es Beweise dafür, dass durch die Einführung von offenen Lernformen die Lernergebnisse besser sind? Wäre toll, wenn wir Erfahrungen in Österreich sammeln könnten!

LG an alle

Tanja

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Re: 5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS
von Christian Leitner - Mittwoch, 12. Juni 2013, 10:16
 

Keinen Beweis, aber einen starken Hinweis.

Eher zufällig erzählt mir gestern eine Kollegin, wie sie im laufenden Schuljahr mit der Tatsache umgeht, in einer „Problemklasse“ die beiden letzten Stunden am Nachmittag GW unterrichten zu müssen. (Mit „Problemklasse“ meine ich eine Klasse mit mehreren Jugendlichen, die  meist außerschulische Probleme haben, die sie in der Schule machen).

Für die meisten LehrerInnen eine gefährliche Drohung.

Nach 2 Doppelstunden mit der zusätzlichen Herausforderung anschließender Frustbewältigung fasst sie den Entschluss und vereinbart, dass jede/r Schüler/in eine Jahresarbeit zum Thema „Österreich“ ausarbeitet.

Nach anfänglichen Selbstzweifeln, ob sie wohl damit Erfolg haben wird, und der Notwendigkeit, in den nächsten 2 – 3 Wochen mit größter Konsequenz und allem zur Verfügung stehenden Durchsetzungsvermögen abzuklären, wer in der Klasse das Ruder in der Hand hat, stellt sie zu ihrer großen Verwunderung fest:

Es funktioniert: Die SchülerInnen wühlen sich geradezu in dieses Projekt hinein, helfen einander, arbeiten selbstständig im ganzen Schulhaus und im Freien, recherchieren auch zu Hause im Internet und ALLE stellen bis dato Projektmappen zusammen, die nicht nur mich in Erstaunen versetzen. Während die einen aufgrund ihrer Erlebnisse und Vorkenntnisse Schwerpunkte setzen (das eigene Bundesland, meine bisherigen Ausflugs- und Urlaubsziele, Sehenswürdigkeiten, …), konzentrieren sich andere auf einen möglichst ausgewogenen Überblick. Eine Schülerin, die erst seit einigen Jahren hier ist, übertitelt ihre Arbeit „Österreich – meine neue Heimat“.

Noch wichtig zu erwähnen, dass alle 2 – 3 Wochen innegehalten wird. Alle berichten kurz, was sie gemacht haben, was sie planen und welche Unterstützung sie benötigen. Es würde jetzt zu weit führen, noch detaillierter zu beschreiben. Eines muss ich hier aber schon noch erwähnen: Zum Schluss ihrer Erzählung meinte sie noch: „Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, so wenig zu arbeiten…“. Ich habe sie beruhigt und ihr dazu gratuliert.

Das ist nichts Sensationelles oder noch nie Dagewesenes, in manchen Schulen wird das vielleicht täglich in verschiedenen Fächern praktiziert, an unserer Schule wird so eher selten unterrichtet. Die Projektmappen und Präsentationen lassen für meine Kollegin den Schluss zu, dass sich die Jugendlichen über Österreich Wissen angeeignet haben, das mit diesen SchülerInnen in anderer – oder sehr unscharf formuliert – „herkömmlicher, traditioneller“ Form kaum möglich gewesen wäre.

 

Christian Leitner

Musik-NMS Henndorf

Nutzerbild Tanja Westfall-Greiter
Re: 5 MINUTEN FÜR DIE HATTIE-STUDIE UND DAS HAUS DER NMS
von Tanja Westfall-Greiter - Samstag, 15. Juni 2013, 08:32
 

Das ist ja ein Prachtbeispiel von einer Öffnung des Unterrichts, Innovation aus Notwendigkeit. (Wir sagen ja auf English: Necessity is the mother of invention.)

Diese Öffnung zeigt sich als Transparenz und Klarheit hinsichtlich Anforderungen, Freiraum und Zeit für das eigene Schaffen, der Wandel von Betroffenheit zur Beteiligung, Respekt vor eigener Arbeit und Selbstwirksamkeit. Auch die Kraft der Diversität und das Für-Sich-Selbst-Personalisieren kommt zum Vorschein.

Danke, Christian, für diesen wertvollen Beitrag!

LG

Tanja